Zwang (Teil 5)
- majabuetikofer

- 2. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Nov. 2025
"Einblicke in die Menschen hinter der Diagnose -Psychiatrie-Blog"
Teil 5: Stimmen, die Mut machen – Erfahrungsberichte & Interviews
„Ich dachte, ich bin verrückt – bis ich verstanden habe, was mit mir los ist.“

1. Individuelle Ebene – Stimmen von Betroffenen
„Ich wusste, dass es irrational ist, aber ich konnte nicht aufhören.“
So beschreibt Tobias (28) seinen Waschzwang. Bis zu 30 Mal am Tag musste er sich die Hände reinigen. „Es war nicht nur Zeitverlust – meine Haut war wund, und ich fühlte mich trotzdem nie sauber.“
Anna (41) kämpfte jahrelang mit Kontrollzwängen: „Ich habe manchmal eine Stunde gebraucht, um das Haus zu verlassen, weil ich immer wieder den Herd, das Licht, die Türen kontrolliert habe.“
Beide berichten: 👉Der erste Schritt zur Besserung war, darüber zu sprechen – nicht länger zu schweigen und sich zu verstecken.
2. Psychologische Ebene – Perspektive einer Therapeutin
Dr. Julia K., Verhaltenstherapeutin, erklärt:
„Zwänge sind eng mit Angst verknüpft. In der Therapie arbeiten wir daran, den Betroffenen zu zeigen: Die Angst sinkt auch ohne Ritual. Es ist harte Arbeit – aber die meisten sind überrascht, wie viel Freiheit sie zurückgewinnen.“
3. Körperlich-biologische Ebene – Ergänzende Sicht
Viele Betroffene erleben auch körperliche Folgen: Erschöpfung, Schlafprobleme, innere Anspannung.
Hier können ausreichend Schlaf, Bewegung und gezielte Atemübungen helfen.
oder manchmal auch Medikamente, die das Nervensystem entlasten.
4. Soziale Ebene – Bedeutung von Austausch
„Als ich andere Betroffene getroffen habe, fiel eine Last von mir.“ erzählt Anna.
Selbsthilfegruppen und Interviews wie dieses zeigen: Niemand ist allein mit seinen Zwängen.
Auch Angehörige spielen eine große Rolle. Sie sollten nicht in Rituale einbezogen werden, aber Verständnis und Rückhalt geben.
5. Gesellschaftliche Ebene – Entstigmatisierung
Viele Menschen halten Zwänge immer noch für „komische Marotten“. Erfahrungsberichte brechen dieses Vorurteil auf. Sie machen klar:
Zwänge sind keine Macken, sondern eine ernsthafte Erkrankung, die belastend ist, viel Zeit kostet und die Lebensqualität massiv einschränkt.
Offenheit kann Scham abbauen und Hilfewege öffnen.
Jede*r kann betroffen sein – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Lebensumständen.
Übungen zu typischen Zwangsritualen (mit Eintrag Feldern)Wasch- und Reinigungszwang Typisches Ritual: Hände sehr häufig und lange waschen, oft mit viel Seife, bis die Haut wund ist. Übung: Stelle dir einen Timer auf 30 Sekunden. Wasch dir die Hände nur so lange – dann bewusst aufhören. Wenn es zu schwer ist: reduziere die Dauer Schritt für Schritt (z. B. von 2 Minuten → 1 Minute → 30 Sekunden). Meine Angst (0–10): ______ Mein Kommentar: ____________________________________________ Kontrollzwang Typisches Ritual: Mehrfach prüfen, ob Herd, Türen, Fenster oder Licht wirklich aus/geschlossen sind. Übung: Schließe die Tür einmal bewusst (langsam, konzentriert) und sag laut: „Die Tür ist zu.“ Danach nicht mehr kontrollieren. Schreibe dir deine Angst (0–10) auf – beobachte, wie sie nach einigen Minuten von selbst abnimmt. Meine Angst (0–10): ______ Mein Kommentar: ____________________________________________ Ordnungs- und Symmetriezwang Typisches Ritual: Dinge immer wieder exakt ausrichten (z. B. Bücher, Stifte, Kissen), bis „alles perfekt“ wirkt. Übung: Lass einen Gegenstand absichtlich leicht schief liegen. Starte mit einem kleinen, unauffälligen Objekt (z. B. Kugelschreiber). Atme tief durch, beobachte die Unruhe – und bleib dabei, bis die Anspannung sinkt. Meine Angst (0–10): ______ Mein Kommentar: ____________________________________________ Zähl- und Wiederholungszwang Typisches Ritual: Handlungen müssen nach bestimmten Zahlen wiederholt werden (z. B. 3-mal klopfen, 7-mal Lichtschalter drücken). Übung: Führe die Handlung einmal weniger aus (z. B. 2 statt 3-mal). Notiere deine Angst (0–10). Wiederhole diese Übung regelmäßig und steigere dich langsam. Meine Angst (0–10): ______ Mein Kommentar: ___________________________________________ |
Fazit:
Die Erfahrungen von Betroffenen und die Einschätzungen von Fachleuten ergeben ein ganzheitliches Bild: Zwänge sind schwer, aber behandelbar. Offenheit, Austausch und Mut, Hilfe anzunehmen, sind entscheidende Schritte auf dem Weg zur Heilung – und zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen.
👉Erfahrungen machen Mut, aber sie zeigen auch: Rückfälle gehören dazu.

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